Naturgedichte
Seit eh und je gilt die Natur als eine der wichtigsten Musen für Lyriker und Dichter. Egal ob sie in der Natur Inspiration für ihr Tun fanden oder die Natur zum wichtigsten Protagonisten Ihrer Gedichte machten - Naturgedichte gehören zu den häufigsten lyrischen Formen der Literaturgeschichte. In der Literaturepoche der Romantik galt die Natur sogar als Spiegel der Seele: Beschworene Mondnächte beschrieben die Melancholie und Einsamkeit des Herzens, ein belebter Frühlingstag vermittelte das Gefühl von Aufbruch und Lebensfreude. Und auch heute, wo unberührte Natur viel schwieriger zu finden ist als noch vor vielen Jahrzehnten, ist Natur als Sehnsuchtsort in zeitgenössischen Gedichten sehr präsent.
Ein Gedicht über die Natur ist dabei immer auch ein Gedicht über Gemütszustände und Gefühle zwischen den Zeilen. Damit sind Naturgedichte immer auch wunderschöne Geschenke und gleichzeitig Einladungen sich zu besinnen, zurückzulehnen und dem stressigen Stadtalltag zu entfliehen. Sie nehmen uns aus unseren engen Wohnungen hinaus in Landschaften der Weite, Einsamkeit und Stille. Erzählen vom Leben ohne menschliche Spuren und vom Zustand der Natur zu den verschiedenen Jahreszeiten. Naturlyrik entführt uns auch dabei in fremde Landschaften, wie Wüsten und Urwälder, zeigt uns aber auch das Altbekannte, wie etwa die Schönheit der Heimat, des Meeres oder der Berge.
Meeresstrand
Ans Haff nun fliegt die Möwe,
Und Dämmrung bricht herein;
Über die feuchten Watten
Spiegelt der Abendschein.
Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her;
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer.
Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton,
Einsames Vogelrufen -
So war es immer schon.
Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.
(Theodor Storm)